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+ Tag 46: Wer das Leben eines einzigen Menschen rettet….+

Sechs Monate ist es her, seit Dharma Raj das Licht der Welt erblickt hat. Er ist das vierte Kind in der Chepang Familie, die in Bharta/ Makwanpur lebt. Seine Eltern Poolmaya und Ramakrishna arbeiten vom frühen Morgen bis in den Abend hinein auf dem kärglichen Reisfeld, um das Leben in der ärmlichen Holzhütte in Makwanpur zu finanzieren. An einem dieser Tage ging Poolmaya wie immer, während das Kind in der Nähe des wärmenden Feuers schlief, der Arbeit vor der Hütte nach. Plötzlich nimmt sie einen unbekannten Geruch und Schreie wahr. Dharma Raj war ins Feuer gefallen und wand sich vor Schmer-zen. Die Eltern versuchen am ersten Tag die Schmerzen zu lindern und die Wunden mit Hausmitteln und lokalen Kräutern zu versorgen.

Über mehr Wissen verfügen sie nicht, sie sind wie 90% der anderen Bewohner in ihrer Gemeinde Analphabeten. Die meisten Chepang haben keine offizielle Staatsbürgerschaft oder eine Geburts-urkunde. Somit können sie auch kein Land besitzen und falls doch einige ein Stück Land bewirt-schaften können, kann die Regierung sie jeder Zeit enteignen. Mehr als 90 Prozent der Chepangs leben unter großer Armut.

Verzweifelt laufen die Eltern in der bergigen Region zum einzigen Gesundheitsposten, der mit dem kleinen Patienten überfordert ist und keine Versorgungsmaterialien bereits stellen kann. Dharma Raj hat aufgrund der Verbrennungen 3. Grades bereits seit einer Woche Schmerzen, und hat sich den gesamten Rücken, den rechten Arm und das rechte Bein im Feuer verbrannt hatte. Aufgrund ihrer Armut und dem Unwissen über die Gefährlichkeit der Brandverletzungen wurde bereits wertvolle Zeit (5 Tage) nicht genutzt, in der Dharma Raj unermesslich leidet und die Gefahr einer Sepsis (Blutvergiftung) sowie von lebensgefährlichen Organschädigungen steigt, da sich Eltern weigern das Kind in ein teures und weit entferntes Spital zu fahren.

Piru seitens der Jugendorganisation SDA zu diesem Zeitpunkt in den umliegenden Dörfern tätig und erfährt von lokalen Lehrern von dem Drama. Sie eilt zum Haus der Eltern und nimmt eine Situations- und Wundeinschätzung vor.

Piru arbeitet hier, da sie nach ihrer Zeit im Shangrila Waisenhaus, erfolgreich im Integrationsprojekt zur Gesundheitsfachkraft ausgebildet wurde und nun in den Gemeindeprojekten von SDA selbst Hand zur Veränderung ihres Heimatlandes anlegen möchte.
Aufgrund der Wundbeurteilung sieht Piru keinerlei Heilungschan-cen vor Ort und sie klärt sofort die Behandlungsmöglichkeiten ab. Sie entscheidet sich für die Behandlung das Sushma Koirala Momorial Hospital in Kathmandu anzufahren.

Das Krankenhaus, ist im Gebiet der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie aktiv. Es besteht seit 1997 und wird von Interplast Germany e.V. finanziert. Unser Verein unterstützte das Krankenhaus im Dezember letzten Jahres den Ausbau eines Operationssaals, eines Röntgengerätes und einer Intensivstation.

Piru will den Vater mit ins Krankenhaus nehmen, der am Treffpunkt nicht erscheint und versucht den Termin zu umgehen. Sie geht erneut in die Dörfer um die Familie zu überzeugen. Der Tag der Abfahrt von Dharma Raj, seinem Vater und Piru ist der 25 April 2015. Sie nennen ihn den schwarzen Tag, wenn sie sich in Nepal an das Datum erinnern. Es ist der Tag, an dem das erste grosse Erdbeben Nepal mit einer Magnitude von 7.8 erschüttert, und der Beginn eines Ausnahmezustands der bis heute durch stetige Nachbeben (heute 3 weitere) die Menschen in Atem hält.
Die Strassen auf dem Weg zum Krankenhaus sind zerklüftet und blockiert. Zudem gibt die Regierung das Verbot lokaler Fahrzeuge bekannt. Piru bucht kurzerhand einen Krankenwagen und ändert die Route nun das Bhatarpur Hospital, Chitwan im Süden Nepals anzufahren. Das staatliche Krankenhaus verweigert die Aufnahme mit der Aussage das Opfer des Erdbebens Vorrang hätten. Piru will nicht aufgeben und ändert erneut die Route, indem sie das private Chitwan Medical College anfährt. Die hohe Frequenz der Nachbeben machen ihr Sorgen und sie muss fünf Stunden Gespräche führen, damit Dharma Raj endlich im Krankenhaus aufgenommen wird. Endlich Hoffnung, endlich Chancen das Dharma Raj überleben wird.

Die Ärzte, Schwestern und Angestellten das Krankenhaus sind in Panik und verlassen bei jedem Nachbeben ihre Stationen. Piru rennt mit Dharma Raj im Arm jedes Mal hinterher. Rückblickend sagt sie “Dharma Raj hat die Welt noch nicht einmal im Ansatz gesehen und muss mehr Stress, Leid und Schmerz wahrnehmen, als manch einer es im ganzen Leben nicht erlebt.”

Die Ärzte intendierten eine Heilungsdauer von 25 Tagen. Es ist wichtig die Ernährung von Mutter und Kinder optimal zu untersützten. Nach 42 Tagen intensiver Behandlung, stetiger Betreuung und nach mehr als 300 Nachbeben kann Piru mit Dharma Raj das Chitwan Medical College verlassen.
Piru und das SDA Team besorgen dem Kind bei einem Zwischenstopp in Bharatpur noch warme Kleidung und begleiten die Familie nach Hause. Die Verabschiedung war für Piru sehr emotional, da sie inmitten der Umstände viel Intimität zu Dharma Raj entwickelt hat. “Es war sehr hart für mich Dharma Raj zu verlassen, und ich hätte gern mehr Zeit mit ihm verbracht, aber er hat seine eigene Welt und muss in diese zurückkehren. Wir werden die Familie durch unsere Gemeindeprojekte mit SDA bestmöglich unterstützen”.

Anmerkungen:
CONCORD, der Verband europäischer NGOs aus dem Bereich der internationalen Entwicklung und der humanitären Hilfe, hat einen „Code of Conduct“ entwickelt, der den richtigen (würdevollen) Umgang mit Bildern und Botschaften regeln soll. Wir richten uns daran aus, und haben daher Bilder auf denen die Wunden von Dharma Raj zu sehen sind, bewusst nicht gezeigt. Da uns die umfangreiche Soforthilfe und das Wiederaufbauprojekt komplett in der Handlungsebene gefordert haben, veröffentlichen wir diesen übersetzten Originalbericht von Piru/ SDA zeitlich versetzt.

Shangrila Development Association (SDA)- wurde im Dezember offiziell gegründet und ist Partner der Govinda Entwicklungshilfe e.V./ Shangrila Entwicklungshilfe/ Schweiz. Mitglieder sind die Jugendlichen der ersten Generation des Shangrila Waisenhauses, die nunmehr nach der Schul-, Studien- und Ausbildungszeit selbst die Entwicklung ihres Landes aktiv mitgestalten werden. Mehr Nachhaltigkeit ist kaum möglich, als gemeinsam mit ihnen in ländlichen Gebieten Nepals die Weichenstellungen für eine bessere Zukunft vorzunehmen. Sie haben gemeinsam mit dem Projektteam in der Soforthilfe nach dem Erdbeben überragende Arbeit geleistet und werden diese im hier vorliegenden Shangri-La Sustainable Local Initiative Project (SSLI) fortsetzen.

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